Artikel aus dem Juli 2016

Digitalisierung – Definitionen und Einordnung

Digitalisierung und Informationslogistik

Der Begriff Digitalisierung ist das „Buzzword“ das in vielen Interpretationen verwendet wird: Digitale Gesellschaft, Digitale Transformation, Digitaler Wandel, Digitaler disruptiver Wandel, Digitale Geschäftsprozesse, Digitale Netze, Digitale Verwaltung, Digitale Agenda, Digitale Revolution, Industrie 4.0, Internet der Dinge, Dunkelverarbeitung. Bringen wir etwas Ordnung in diese Begriffsvielfalt!

Digitalisierung wird in zwei Bedeutungen verwendet: Erstens in der Überführung von analogen Informationen in digitale Daten und zweitens in der Wirkung welche durch sie ausgeht (Gabler Wirtschaftslexikon und Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik).

Wirklich neu ist an der Digitalisierung die Leistungsfähigkeit von Systemen und die Geschwindigkeit, mit der sich alles verändert.

 

Definition 1: Digitalisierung ist die  Überführung von analogen Informationen in digitale Daten

Diese Begriffsdefinition beschreibt einen technischen Vorgang. Analoge Daten wie Bilder, papierbasierte Dokumente, Sprache, Ton- oder  Filmaufnahmen werden vom analogen in ein binäres Format übertragen. Das Verfahren hierzu wird als Scannen oder als Digitalisierung bezeichnet und bewirkt die Überführung in ein definiertes digitales Bild-, Ton- oder Film-Format.
Die Vorteile liegen auf der Hand: zeit und ortsunabhängige Verfügbarkeit, Geschwindigkeit des Zugriffs, platzsparende Speicherung und verlustfreie Reproduktion. Es gibt auch Nachteile: Informationsverlust beim Medienübergang von analog zu digital, Verpflichtung zur Migration – wer hat heute noch ein Floppy-Laufwerk zum Lesen einer 5 1/4 Zoll Diskette – und Umfang einer möglichen Schädigungen durch den schnellen und umfangreichen Zugriff auf eine Vielzahl von Daten.

Definition 2: Unter Digitalisierung versteht man die Wirkung die von ihr ausgeht

Die Digitalisierung im Sinne der zweiten, im Sprachgebrauch üblichen Verwendung, bezieht sich auf ein Individuum, eine private, öffentliche oder geschäftliche Organisation oder eine Gesellschaft als Ganzes und beschreibt die Veränderungen, die durch sie ausgelöst wird.
Beispiele im privaten Bereich sind Soziale Medien, Smart Home, Nutzung von selbst erfassten elektronischen Gesundheitsdaten, Telebanking oder Austausch über digitale Chat- und Kommunikationskanäle. Aber auch neue Arbeitsmodelle wie Heimarbeitsplätze, der „Digitale Staat“ und die „Digitale Verwaltung“ betreffen unser privates Umfeld durch die Digitalisierung in diesen Bereichen.
Auf gesellschaftlicher Ebene führt die Digita­lisierung zu struk­turellen Veränderungen im Bildungs- oder Recht­system, beim Ausbau der Breitband-Infrastruktur oder der Einführung neuer Formen der Meinungsbildung oder Parti­zipation von Bürgern wie elektronische Volksabstimmungen.
Durch Digitalisierung sind aus Sicht von Organisationen völlig neue Geschäftsmodelle möglich. Tradierte Angebote und Marktpositionierungen werden in Frage gestellt. So genannte disruptive Geschäftsmodelle im Versandhandel, bei Dienstleistungen wie Taxiunternehmen, Übernachtungen oder Car Sharing, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, bedeuten einen ökonomischen Angriff auf bestehende Organisationen.

Auswirkung von Digitalen Geschäftsprozessen in Organisationen

Betrachten wir nun wie sich Organisationen und deren Prozesse im Inneren durch Digitalisierung verändern. Mit Digitalisierung sind in diesem Umfeld digitale Geschäftsprozesse gemeint. Ziel ist es, alle Informationen, die in Organisationen ankommen, auf ein einheitliches digitales Format zu transformieren, in den Prozessen mit den elektronischen Dokumenten ebenfalls elektronisch zu bearbeiten und so die Effizienz, Flexibilität und das Service-Level intern und extern gegenüber Kunden zu steigern. Die Effizienzsteigerung ist immer dann am höchsten, wenn elektronische Dokumente als „Coded Data“ vorliegen. Damit ist gemeint, dass nach dem eigentlichen Digitalisierungsprozess nicht nur ein elektronisches, binäres Image oder eine elektronische Nachricht in Tonform generiert werden. Ziel muss es sein, auch die Daten, welche das Dokument enthält, so auszulesen, dass sie in nachfolgenden Systemen weiterbearbeitet werden können. Mittels OCR-Technologien werden Zeichen erkannt, Dokumente klassifiziert, Inhalte bestimmt, unter Bezug zu vorhandenen Daten optimiert oder angereichert und im Anschluss daran sogar semantisch interpretiert. In diesem Schritt geht es darum, semantisch zu erkennen, was gemeint ist. Ist mit dem Satz eines Kunden „Sie haben die Rechnung nicht mit dem Wirt gemacht“ gemeint, dass es sich hier um eine Rechnung oder um eine allgemeine Beschwerde handelt?
Wenn Systeme, Dokumente oder Voice-Informationen  sowohl textlich als auch inhaltlich verstehen, kann man Bearbeitungsprozesse automatisieren und kommt zur so genannten „Dunkelverarbeitung“. Systeme lösen Aufgabenstellungen so weit wie möglich automatisch und der Mensch übernimmt die komplexen Themen oder greift bei Problemen korrigierend ein. Für die Arbeitswelt bedeutet dies, dass Mitarbeiter höhere, anspruchsvollere und komplexere Aufgabe zu erledigen haben, die sich nicht automatisieren lassen. Bildung und Weiterbildung wird zum Schlüsselfaktor der Arbeitsplatzsicherung.

Resümee

Es ist darauf zu achten wie und in welchem Zusammenhang wir das Wort Digitalisierung verwenden. Ist damit ein technisches Verfahren oder das Ergebnis desselben gemeint. Im Umfeld digitaler Arbeitsprozesse innerhalb von Organisationen ist im engeren Sinne die Transformation von analogen in digitale, binäre Daten gemeint. Wenn wir in diesem Umfeld mit der Digitalisierung auch die Datenextraktion und das Erkennen von Inhalten in Dokumenten meinen, sollten wir von digitalen Geschäftsprozessen bzw. von ganzheitlicher Informationslogistik sprechen.

Was ist wirklich neu

Digitalisierung gibt es schon seit Generationen. Genosse Computer hat den Anfang gemacht. In die Produktion und Büros sind Steuerungen, Roboter und Arbeitsplatzcomputer eingezogen. Auch damals wurde von Revolution und Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft gesprochen. Man sah Arbeitsplätze in Gefahr. Digitalisierung ist also nichts Neues.

Was wirklich neu ist, sind die Leistungsfähigkeit der Systeme und vor allem die damit einhergehende Beschleunigung und Vernetzung, die davon ausgeht. Innerhalb kürzester Zeit kann jeder auf „alle“ Informationen zugreifen. Produktlebenszyklen verkürzen sich. Geschäftsmodelle werden durch neue, schnell umsetzbare Lösungen obsolet. Die ganze Welt wächst noch schneller zusammen. Chancen und Risiken werden global. In diesem Sinne sollten wir von Evolution und nicht von Revolution sprechen, etwas ganz Normales auf diesem Planeten und in dieser Welt!

 

 

 

 

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