Artikel aus dem September 2015

Die sichere E-Mail kommt nicht voran – Was ist los?

De-Mail

De-Mail, E-POSTBRIEF und Konsorten – Nutzung Fehlanzeige! 

Die sichere elektronische Kommunikation kommt in Deutschland nicht voran. Bürger und Unternehmen kennen die Angebote nicht oder lehnen sie ab, weil sie keine Vorteile bieten. Es braucht praxisnahe Lösungen um das „Henne-Ei-Problem“ zu lösen. Deutschland diskutiert, unsere Nachbarn machen es uns vor.

Es ist ruhig geworden um die sichere E-Mail. Die Bundesregierung verkündet die digitale Agenda, doch in der praktischen Umsetzung scheint das Thema im Schlamm stecken zu bleiben. Trotz massiver Werbung kennen nur wenige die De-Mail, den E-Postbrief oder andere Produkte zur sicheren elektronischen Kommunikation. Und wenn jemand die Produkte zu kennen glaubt, hat er falsche Vorstellungen davon. Ein aktueller Beitrag in der rbb-Wirtschaftssendung was! vom 16.9.2015 zeigt dies deutlich. (http://www.rbb-online.de/was/)

Das Bundesinnenministerium äußert sich in seiner neuesten Stellungnahme von Ende Juni 2015 sehr ausweichend. Da ist von „Nichterreichung der kritischen Masse“ zu lesen und von weiterem Bedarf Erfahrungen zu sammeln. – Traurig!

Das so dringend benötigte Medium zur sicheren Kommunikation kommt nicht ins Laufen. Das zentrale Gateway zur Anbindung der Bundesbehörden an De-Mail hat zwar den Betrieb aufgenommen. Es soll dafür sorgen, dass alle Bundesbehörden bis März 2016 den Zugang für die Bürger ermöglichen. Doch „Zugang“ bedeutet noch lange nicht, dass De-Mail auch genutzt wird. Was für ein Grund sollte ein Bürger haben, der gelegentlich ein Amt besucht sich für den De-Mail-Dienst anzumelden? Er müsste persönlich bei einem der Anbieter vorstellig werden und seine Identität feststellen lassen. Wenn es nicht handfeste Vorteile hat, macht der Bürger das nicht. Wir dümpeln in Deutschland bei ca. einer Million Anmeldungen bei allen vier De-Mail-Providern herum. Die Deutsche Post sagt, Ihr Produkt habe ebenso viele Anmeldungen. Keiner der Anbieter verrät, wie viel wirklich über diesen Kanal verschickt wird – angeblich aus Wettbewerbsgründen. Ich sage ihnen, es ist eine erschreckend kleine Zahl!

Wie sieht es im Business-Bereich aus?

Nun könnte man ja annehmen, dass wenigstens im Business-Bereich verstärkte Nutzung stattfindet. Dass Unternehmen ihren Kunden Vorteile bieten, wenn sie über diesen Kanal kommunizieren. Schließlich ist ja die Identität des Gegenübers bekannt, ein enormer Vorteil. Zusätzlich sind die Daten verschlüsselt. Aber auch hier tut sich nahezu nichts. Die Unternehmen klagen, dass es zu wenig Nutzer gibt. Sie sehen keinen Mehrwert für sich und ihre Kunden und locken diese lieber auf die unternehmenseigenen Portale. Aktive Werbung oder Kreativität, wie man den neuen Kommunikationskanal fördern kann, versandet in allgemeiner Kritik. Schließlich wolle man Kunden das aufwendige Anmeldungsverfahren nicht zumuten. Wenn einem aber die wenigen Unternehmen, die angemeldet sind, hinter vorgehaltener Hand eröffnen, wie wenig über diesen Kanal kommuniziert wird – nämlich beiderseits nahezu nichts – wird das Gap zwischen Theorie und Praxis offensichtlich!

In einem Bereich gibt es allerdings Erfolgsmeldungen: kleine Unternehmen, die möglichst wenig mit papierbasiertem Dokumentenversand zu tun haben wollen, nutzen die Hybridfunktion der Anbieter: Übertragen der Daten, Druck und Kuvertierung beim Dienstleister. War das die ursprüngliche Intention? Auch die eine oder andere öffentliche Einrichtung hat kreative Ideen. Wir befinden uns jedoch auf die Gesamtheit gesehen entgegen der Wunschvorstellungen der Protagonisten noch im Stadium des Pioniergeists.

Andere machen uns „Moderner Staat“ vor – warum lernen wir nicht von ihnen?

In Dänemark nutzen bereits 70% der Bürger einen sicheren elektronischen Kommunikationsweg mit den Behörden. Die Briefvolumina sind von 2005-2012 um 50% zurückgegangen. Sie fallen jährlich um 11 bis 12%. Im Gegensatz zu Deutschland steht hinter den Veränderungen in Dänemark eine ganzheitliche Strategie, die über mehrere Jahre angekündigt und vorbereitet wurde. Es steht ein flächendeckendes, frei zugängliches, kostenfreies W-Lan-Netz zur Verfügung! Jeder Bürger hat eine elektronische Box vom Staat, in der alle Informationen für ihn bereitgestellt werden. Mit Signaturschlüssel, Passwort und Namen können alle Daten den staatlichen Einrichtungen übertragen und von diesen elektronisch abgerufen werden. Pro Transfer wird ähnlich dem PIN-TAN-Verfahren ein Schlüssel verwendet. Wer aus gesundheitlichen Gründen oder technisch nicht dazu in der Lage ist, erhält Hilfe vom Staat. Es besteht auch die Möglichkeit, bestimmte Rechte Dritten zu übertragen.

In Deutschland diskutieren wir, ob die De-Mail Verfahren sicher genug sind. Das Schlagwort lautet „Ende zu Ende Verschlüsselung“. Da sie nicht per Gesetz gefordert ist, reicht den Sicherheitsgurus die De-Mail-Sicherheit nicht aus. Zwar verschlüsseln die Provider die Nachrichten, könnten aber somit in die übertragenen Informationen hineinschauen. Nur Dritte könnten das nicht. Wäre diese Verschlüsselung nicht schon ein enormer Fortschritt gegenüber 99,99% unverschlüsselter Nachrichten, die über die klassische E-Mail verschickt werden? Andere Anbieter außerhalb des De-Mail-Gesetzes gehen einen Sonderweg und bieten proprietäre Produkte mit eigene Verfahren zur sicheren Kommunikation. Die Deutsche Post bietet Zusatzleistungen für ihren E-POSTBRIEF, der ebenfalls nicht De-Mail akkreditiert ist. Ihr Produkt wird vorwiegend für den Hybridversand genutzt: elektronische Datenübernahme vom Kunden und das anschließende Drucken, Kuvertieren und Versenden über die Druckzentren und den Postboten. Ursprünglich war es die Idee, die elektronische Kommunikation zu fördern, so auch die Ankündigungen der Post: „wir bringen den Brief ins Internet“.

Was muss passieren?

Was muss in Deutschland passieren, damit die so dringend nötige sichere elektronische Kommunikation und die Ankündigungen der digitale Agenda zu diesem Thema endlich voran kommen? Wir brauchen mehr Verbindlichkeit, es muss intensiv über Nutzen und Vorteile für die Bürger und Anwender der Kommunikation nachgedacht werden. Allein mit Freiwilligkeit und dem Prinzip Hoffnung kommen wir nicht weiter! Wir verspielen wichtige Zeit! Wir müssen in diesem Zusammenhang mit den offenen Themen zur W-Lan Nutzung weiterkommen. Noch immer haben diejenigen, die anderen Teilnehmern freien Zugang gewähren – wie Hotels – keine Rechtssicherheit und halten den Kopf für Rechtsverletzungen der Nutzer hin. Das Thema wird auch nicht mit dem unzureichenden Gesetzentwurf zur  Änderungen des Telemediengesetzes vom MBI gelöst. (siehe Thomas Hoeren, FAZ vom 19.9.2015, Seite 20).

Ich plädiere dafür, dass die Bürger eine sichere E-Mail-Adresse von Staatswegen bekommen, ähnlich einer Steuernummer oder eine Personalnummer in ihrem Personalausweis. Die Gesetzgebung muss schleunigst viele Formvorschriften, die unterschriebene Schriftstücke, die so genannte „Schriftform“ verlangen, überarbeiten. Sie muss für die so genannte „Textform“ mittels elektronischer Kommunikation per De-Mail erweitert werden. Ferner muss die Anmeldung zum De-Mail-Dienst stark vereinfacht werden und elektronisch über den neuen Personalausweis  oder über Banken, die Ihre Kontoinhaber einmal identifiziert haben, ermöglicht werden. Die aufwendige Anmeldung mit persönlichem Erscheinen in einer Postfiliale oder durch  Terminvereinbarung mit Prüfern der Anbieter ist abschreckend!

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Es braucht einen verbindlichen Masterplan, der ein definiertes und verbindliches Umsetzungsszenario zeitlich und inhaltlich festlegt. Nur so wird der Bürger das Medium nutzen, nur so ziehen die Unternehmen nach, weil sie ihre Kunden zu großen Teilen auch erreichen.

Dann kommen wir endlich mit diesem wichtigen Thema voran und können gesichert ohne Spam kommunizieren, ohne zeitraubende  Dateneingaben bei Flug- oder Reisegesellschaften Tickets buchen, in Shops mit größerer Sicherheit für den Handel Produkte bestellen und Behördengänge vom Bildschirm aus erledigen. Ich lasse mich positiv überraschen, wenn unseren Bürokraten und Politikern, die offensichtlich die Praxis nicht verstehen, das gegen ständiges Störfeuer von Bedenkenträgern und Sicherheitsfanatikern gelingt! Es gehört etwas Mut dazu und eine längerfristige Planung. Beides ist nur wenigen öffentlichen Entscheidungsträgern gegeben!

 

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